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Der Alltag eines busfahrenden Schülers

Dies ist eine Geschichte aus dem Alltag eines zivilisierten, vernünftigen Kollegstufenschülers am Gymnasium Geretsried in Bayern. Ähnliches spielt sich wahrscheinlich täglich überall im Land ab.

Nach der 6. Stunde, 13:05 Uhr, regulärer Unterrichtsschluss. Die „5” nach der „13” mag in der Unter- und Mittelstufe zwar meist eine reine Formsache sein, das ist aber nicht immer und überall so. Also, um fünf nach eins endet der Unterricht, dann heißt es Zeug zusammenpacken und in einem normalen Schritttempo das Schulhaus verlassen. Daran, dass die Wände seit Jahren nach Baustelle aussehen und die Kabel von der Decke hängen, hat man sich schon längst gewöhnt—egal wie viel man sich beschwert, vor 7 Jahren war die Schule intakter—den dunklen Betonklotz aus den 70ern, der sich „Schule” schimpft, möchte man aber eigentlich doch relativ flott verlassen.

Draußen, an der Luft, wechselt man noch schnell ein paar Worte mit einem Mitschüler, zugerufene Àdieux, und schon ist man in der Unterführung zur Bushaltestelle. Nicht besonders angenehm, vom Geruch bis zu den zwar frisch geweißelten, doch aber mit schlechtem Graffiti beschmierten Wänden, aber man kann ja nicht immer vor den Fünftklässlern über die Straße rennen, vor allem nicht, wenn Polizei oben steht. Da geht neben einem ein guter Freund, Ich finde das unverschämt, dass wir für den Scheiß jetzt zahlen müssen!; Recht hat er, und auch diejenigen Schüler, die genügend Geschwister haben, um die Fahrt zwischen Daheim und Schule erstattet zu kriegen, sind sich einig: Nicht einmal Einzelkinder in der Oberstufe sollten den Bus zu einer öffentlichen Schule bezahlen müssen, nicht in diesem unseren Sozialstaat.

Auch die Situation an der Bushaltestelle kann nicht begeistern: es stehen die zwei üblichen langen Busse da. Der Erste, proppenvoll, schließt gerade die Türen, um wegzufahren. Im Zweiten ist auch nicht mehr Platz. Im Gegenteil: obgleich die Insassen (was nicht heißen soll, dass viele sitzen) kaum noch Platz zum atmen haben, befindet sich an der Tür noch eine Traube von etwa 10 jüngeren Schülern, die sich mit letzter Kraft reinzuquetschen versuchen. Etwas weiter hinten stehen dann etwa 60 weitere Schüler, die rauchen und ratschen, weil sie wissen, dass in den Schulbussen kein Platz ist.

Wie lange wird das noch dauern ? Nach einigen Minuten kommt schon ein Paar Linienbusse. Die Tatsache, dass sie unterschiedlich Linien bedienen, stiftet zwar etwas Verwirrung, aber schnell haben sich auch hier Trauben an allen vier Türen gebildet, und jeder versucht mit Gewalt, noch einen Stehplatz zu bekommen. Aber, was heißt hier jeder ? Manch einer sieht ein, dass man eigentlich zuerst Leute aussteigen lassen sollte, dass die Chancen, überhaupt einen Platz zu bekommen, infinitesimal sind, und dass diese Art des Einsteigens eigendlich zutiefst barbarisch ist. Man wünscht sich eigentlich, dass alle sich ganz normal anstellen, und die Leute hinten ungehindert Aussteigen lassen, aber das scheint in Deutschland ja nicht zu gehen. Die Busse sind weg, jetzt heißt es zunächst fünf bis zehn Minuten warten—wenn man Glück hat, kennt man irgendjemanden, der auch wartet, mit dem man das Warten einigermaßen überbrücken kann.

Der nächste Bus war vermutlich schon an einer anderen Schule, von Platz kann da keine Rede sein. Langsam wünscht man sich, man hätte den Unterricht doch wie in der Unterstufe um 12:55 Uhr eigenmächtig beendet, um zum Bus zu rennen, aber wo kämen wir denn da hin ? Kaum ist es 13:26 Uhr, schon kommt der nächste kurze Linienbus. Von Platz kann da zwar auch keine Rede sein, die Bushaltestelle wird aber langsam leer. Um nicht noch eine Viertelstunde warten zu müssen, quetscht man sich dann halt als letzter in den Bus. Um zwei Uhr ist man dann vielleicht zu Hause, und die Busfahrt war keineswegs angenehm; kein Wunder, dass so viele in der Regel ehrliche Schüler sich für dafür entscheiden, schwarz zu fahren.

Copyright © 2008 Thomas Jollans. Die Verwendung dieses Textes unterliegt der Creative Commons Namensnennung-Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz


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